Wirksame Forschung und Innovation - Zur Rolle von Wissen und einem zeitgemäßen Wissensaustausch

Impactful research and innovation: The role of know-how and of an up-to-date knowledge exchange
Ricerca e innovazione: il ruolo del sapere e di uno scambio attuale di conoscenze
Lukas Bertschinger1, 2
1 Agroscope, Corporate Strategy, Müller-Thurgau-Str. 29, 8820 Wädenswil (CH)
2 Versuchszentrum Laimburg, Vorsitzender Wissenschaftlicher Beirat, Laimburg 6, Pfatten, 39040 Auer (I)

Das Versuchszentrum Laimburg ist das Resultat einer konsequent verfolgten Überzeugung: Die Entwicklung einer nachhaltigen Landwirtschaft soll durch Problemlösungen auf der Grundlage lokaler wissenschaftlicher Untersuchungen wirksam unterstützt werden. Der gemeinsame Erfolg der Südtiroler Landwirtschaft und des Versuchszentrums Laimburg geben dieser Überzeugung Recht. Der Austausch zwischen Forschung, Praxis und Öffentlichkeit spielt dabei eine entscheidende Rolle. Seit den ersten Tastversuchen in Südtirol mit niederen Baumformen im Jahre 1962 und der offiziellen Gründung des „Land- und Forstwirtschaftlichen Versuchszentrums Laimburg“ mit dem Landesgesetz Nr. 53 vom 3. November 1975 hat sich das Versuchszentrum konsequent zu einer wissenschaftlich geachteten und mit der Praxis in engem Austausch stehenden Institution weiterentwickelt. Sie erzielt Wirkung durch die praktische Anwendung von innovativem Wissen. Nun markiert ein weiterer Meilenstein diese Entwicklung: Das Versuchszentrum Laimburg lanciert das Open Access-Portal Laimburg Journal. Es dient einem zeitgemäßen Wissenstransfer und der Verbreitung von Fachwissen in den Bereichen Landwirtschaft und Lebensmittelwissenschaften sowie allen damit zusammenhängenden Bereichen.

Open Access – warum?

Die gefühlte Fülle an Informationen, der wir täglich ausgesetzt sind, scheint in der vernetzten und digitalisierten Gesellschaft laufend zuzunehmen. Damit Informationen zu Wissen werden und Wirkung erzielen, müssen sie wirkungsvoll vermittelt werden. Das Laimburg Journal möchte in diesem Zusammenhang einen wichtigen Akzent setzen. Es stellt Informationen in zeitgemäßer Form zur Verfügung: uneingeschränkt, transparent, on-line – eben Open Access (OA).

In den letzten zehn Jahren hat die Verbreitung von OA stark zugenommen. OA ist immer häufiger Voraussetzung für die Akquisition von Forschungsfördermitteln bei der Europäischen Union und anderen Geldgebern. Wikipedia definiert OA wie folgt: OA (englisch für „offener Zugang”) ist der freie Zugang zu wissenschaftlicher Literatur und anderen Materialien im Internet. Ein wissenschaftliches Dokument unter OA-Bedingungen zu publizieren, gibt allen die Erlaubnis, dieses Dokument zu lesen, herunterzuladen, zu speichern, es zu verlinken, zu drucken und damit entgeltfrei zu nutzen. Darüber hinaus können über freie Lizenzen den Nutzern weitere Nutzungsrechte eingeräumt werden, welche die freie Nach- und Weiternutzung, Vervielfältigung, Verbreitung oder auch Veränderung der Dokumente ermöglichen. (Wikipedia – Die freie Enzyklopädie, 2019) [1] OA erlaubt also, publiziertes Material zu teilen, d.h. zu vervielfältigen und weiterzuverbreiten und auch zu bearbeiten sowie neu zusammenzustellen, zu verändern und darauf aufzubauen.
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Was spricht für OA zur Verbreitung von Informationen? Mit öffentlichen Mitteln erarbeitete Forschungsresultate uneingeschränkt der Öffentlichkeit zur Verfügung zu stellen, ist konsequent. Damit kann der potenzielle Nutzen der erarbeiteten Informationen maximiert und noch besser sichergestellt werden, dass neue Erkenntnisse zu Wissen werden und Wirkung erzielen. OA ist aber auch für die Autorenschaft interessant: Untersuchungen haben gezeigt, dass OA-Artikel vergleichsweise häufiger gelesen werden als Nicht-OA -Artikel (Kousha & Abdoli, 2010) [2]. Die besagte Studie zeigte allerdings (noch) nicht den gleichen Vorteil, wenn man die Zeitschriften als Ganzes vergleicht. Man wird den Schritt zum OA-Portal also aufmerksam begleiten und stärken müssen, damit er nachhaltig wirkt. So oder so: OA kann nicht der alleinige Erfolgsfaktor für einen wirkungsvollen Wissensaustausch und die Adoption von Innovationen sein. Ein linearer Wissenstransfer zwischen Forschung und Praxisanwendern funktioniert ungenügend. Neue Formen der Wissensvermittlung und des Wissensaustausches sind nötig (Wood, et al., 2014) [3]. Für die Anpassung landwirtschaftlicher Praktiken und die Einführung von Innovationen ist ein interaktiver Wissensaustausch von zentraler Bedeutung (siehe z.B. Milne & Paton, 2016) [4]. Es braucht den laufenden Dialog zwischen jenen, welche Wissen für Problemlösungen entwickeln und den Betroffenen, welche Problemlösungen suchen und Innovationen anwenden möchten. Dazu können Tagungen, Foren und Plattformen (z.B. Beratungsringe) oder auch ein OA-Portal dienen. Die wechselseitige Abstimmung zwischen Wissenschaft und Praxis ist also von zentraler Bedeutung.
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Partizipative Abstimmung zwischen Wissenschaft und Praxis

Die Zusammenstellung des Tätigkeitsprogrammes des Versuchszentrums Laimburg ist eingebettet in einen Prozess des Austausches zwischen dem Versuchszentrum und der Praxis, in offenen (bottom up) und flexibel organisierten Fachbeiräten (Versuchszentrum Laimburg, 2018) [5]. Das ist innovativ und Teil der praxisorientierten Ausrichtung des Versuchzentrums Laimburg. Interessentinnen und Interessenten aus der Praxis können sich dafür online und OA registrieren. Im Jahr 2018 beteiligten sich über 130 Vertreter verschiedenster Organisationen der Südtiroler Landwirtschaft und Lebensmittelverarbeitung an insgesamt sieben Fachbeiräten (Obstbau, Imkerei, Gartenbau, Weinbau, Ökologischer Obstbau, Lebensmitteltechnologie, Berglandwirtschaft). Sie alle bringen Vorschläge ein, genau wie auch die Forscherinnen und Forscher des Versuchzentrums Laimburg. Die Fachbeiräte priorisieren gemeinsam mit der Forschung alle eingegangenen Projektvorschläge. Im Anschluss begutachtet der Wissenschaftliche Beirat (Abb. 1) die Priorisierungen und gibt Empfehlungen ab. Die durch den Wissenschaftlichen Beirat gutgeheißenen Priorisierungen ebnen den Weg zur endgültigen Festlegung des Tätigkeitsprogramms. Der Direktor des Versuchszentrums erstellt und publiziert auf dieser Grundlage das Tätigkeitsprogramm für das Folgejahr (www.laimburg.it/de/projekte-publikationen/taetigkeitsprogramm.asp). Es umfasst über 300 Forschungs- und Versuchsprojekte, die dank dieses interaktiven Austausches die Probleme aus der Praxis aufnehmen und forschungsbasiert Problemlösungen erarbeiten.
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Abb. 1: Sitzung des Wissenschaftlichen Beirats am Versuchszentrum Laimburg // Meeting of the Scientific Advisory Board at Laimburg Research Centre.

Nationale und internationale Relevanz

Das Versuchszentrum Laimburg beschreitet mit dem oben beschriebenen Weg einen national und international bemerkenswerten Pfad. Es ist ein Weg, der sich an der Vision der Maximierung von Nutzen und nachhaltiger Wirkung der eingesetzten Mittel orientiert. Das ist im öffentlichen Raum mit der Vielzahl von Anspruchsgruppen unterschiedlichster Prägung und der langfristigen Ausrichtung, die eine konkurrenzfähige Forschung und Entwicklung naturgemäß benötigt, gar nicht so einfach. Es ist ein innovativer Weg. Zur Geburt des jüngsten Aushängeschildes dieses Weges, dem OA-Portal Laimburg Journal, gratuliere ich ganz herzlich und wünsche gutes Gedeihen und viel Erfolg und Wirkung.

Lukas Bertschinger, Vorsitz Wissenschaftlicher Beirat, Versuchszentrum Laimburg

References